Die „Stadt aus Tuch und Holz“

Nürnberger Christkind eröffnet am Freitag vor dem ersten Advent „seinen“ Markt

28.11.2008 - Es ist Punkt 17.30 Uhr. Auf dem Hauptmarkt in Nürnberg verlöschen zuckend die letzten Lichter, wie ein schwarzes Tuch legt sich die Nacht über die Buden. Ein Raunen geht durch die Menge. Dann ist es soweit: Auf der Empore der Frauenkirche erscheint das Christkind – und eröffnet „seinen“ Markt.

Dicht gedrängt stehen Jung und Alt, Groß und Klein in den Gassen, die Namen wie Eierzuckerweg oder „Doggn-Gässla“ tragen. Staunende Blicke wandern nach oben, der in goldenem Licht getauchten Erscheinung entgegen. Herrn und Fraun, die Ihr einst Kinder wart ...“ beginnt die 17-jährige Schülerin Rebekka Volland als 20. gewähltes Nürnberger Christkind ihren Prolog.

Neben dem Christkind stehen an diesem Tag noch andere Personen im Rampenlicht. Franziska Ossig und Sabine Seiler, beides Schülerinnen des Labenwolf-Gymnasiums, blicken als Rauschgoldengel neben dem Christkind auf die „Stadt aus Tuch und Holz“. Die Advents- und Weihnachtslieder singen der Junge Chor Nürnberg und die Chorklassen der Musikschule Nürnberg.

Auch ein kleines Jubiläum kennzeichnet die diesjährige Eröffnung. Zum 50. Mal spielt Hubert Schaffer, früherer Organist der Frauenkirche die Orgel. Damit die Zuschauer die dritte Strophe des Abschlussliedes „O du fröhliche“ anstimmen können, hat der Fränkische Sängerbund 300 Sängerinnen und Sänger zur Verstärkung geschickt.

Die Anziehungskraft des Marktes ist vor allem bei der Eröffnung enorm. Gut eine Stunde vor der Zeremonie wächst die Menschenmenge stetig. Rauschgoldengel, Lametta und Christbaumkugeln glitzern in den etwa 180 Buden um die Wette. Der Duft von frischen Bratwürsten, Lebkuchen und Glühwein verfehlt seine Wirkung nicht und weckt den Heißhunger auf diese Nürnberger Spezialitäten.

Hier wohnt das „echte“ Christkind

Drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstand 1948 der Christkindlesmarkt in der völlig zerstörten Altstadt aufs Neue. Friedrich Bröger, Chefdramaturg des Theaters und Sohn des Arbeiterdichters Karl Bröger, verfasste einen Prolog, der seitdem – inzwischen in einer mehrfach überarbeiteten und der Zeit angepassten Version – vom Nürnberger Christkind vorgetragen wird. Das Christkind wird seit damals von jungen Frauen wie Rebekka Volland gespielt, die zwischen 16 und 19 Jahren alt sind und aus Nürnberg stammen.

Ein anspruchsvoller Job: Das Christkind hat im Dezember kaum eine Minute Ruhe, denn es gilt, mehr als 150 Termine in Altenheimen, Kindergärten und anderen karitativen Einrichtungen wahrzunehmen. Viermal in der Woche können die Besucher dem Mädchen mit der blondgelockten Perücke auf seinem Markt und der Kinderweihnacht begegnen. Außerdem ist es in Deutschland unterwegs, besucht andere Weihnachtsmärkte, absolviert Medienauftritte und ist somit Botschafterin des Nürnberger Christkindlesmarkts und der Stadt.